»Das habe ich damals gelernt von dir, Vera: Nicht der Preis zählt, den man beim Siegen gewinnt. Sondern der Preis, den der Unterlegene dafür bezahlt.«
Dunkelheit umgibt Vera. Ahmed ist fort. Aber sie fühlt sich sicher. Unter den ausgefahrenen Markisen über einem Gemüsestand steht sie. Trommelnder Regen auf den Planen. In der Türe steht stocksteif auf seiner Spitze ein zugeklappter schwarzer Regenschirm. Regungslos und als ihr Wächter steht er da. Doch die Ösen, die den Stoff an den Rippen festhalten, tanzen um den Handgriff. Jeder für sich und doch aufeinander abgestimmt tanzen sie einen Reigen. Sind schwarze Käfer in einem Kulttanz, den Vera versteht: Klar, sie ehren die monströse Krümmung des Griffes. Sie scheinen zu kichern oder zu wispern. »Behaltet euer Geheimnis für euch«, schnauzt Vera sie an.
»Wie erklärst du es dir, dass das Schicksal dich so generös behandelt? Es hat dich ausstaffiert mit Gesundheit, Talenten, etwas Humor und stets genügend Geld. Freundliche Menschen haben sich mit dir verbunden. Und als ob das nicht genug wäre, darfst du dich nur mit Aufgaben befassen, die dir Freude machen. So wenig Pflicht, so viel mehr Kür.« Die Abgottspon schloss die Augen, als sie nachschob: »Kurz: Wie lebt es sich als Privilegierter?«
»Man kann jemanden auch erschlagen mit dem Rettungsring, den man ihm zuwirft«, brummte ich. »Oder absaufen lassen, indem man einen kaputten nimmt.«
Auch wenn ein halber Mond Licht gab, verlor sich unser Feldweg schon nach geschätzt hundert Metern im Dunkeln. Zeit umzukehren. Doch Luise schritt so zielstrebig voran, als warte hinter der Dunkelheit eine Verheißung. Bloß wollte sich der Abstand zur Grenze zwischen Mondhelle und Dunkelheit nicht verringern. Das schien Luise nicht zu kümmern, bis sie ohne Vorzeichen abrupt wendete. Kurz vor dem Haus musste sie noch etwas loswerden. Es klang wie eine Drohung: »Das Schicksal kennt keine Gnade. Wer mit ihm hadert, vergeudet nur Energie. Mit Hader kommt man ihm nicht bei. Man muss es niederringen. Das werde ich Vera klarmachen.« Es schien das Ergebnis längerer Überlegungen zu sein. Offenbar hatte sie den Feldweg wie einen Lösungsweg abgeschritten.
Wann immer sich das Selbstmitleid in ihr meldet, rastet Vera regelrecht aus und leistet sich etwas Handfestes, zum Beispiel fliegende Teller. Ich habe jedes Recht, auf meine Mutter oder Till sauer zu sein, sagt sie sich dann. »Du bist das! Du bist gerade zum Fenster rausgeflogen, du Kotzmutter. Und weißt du was? Deine Scherben sind mein Glück«, ruft sie eines Abends der fliegenden Tasse nach und genießt deren Zersplittern unten im Hof. Keine drei Minuten später klingelt der Hausmeister. Das gehe gar nicht, meint er. Sie hätte jemanden treffen können. Fahrlässige Tötung sei das. Was sie sich eigentlich vorgestellt habe?
»Meine Mutter! Und Sie? Hatten Sie eine gute?«
Eine Euphorie sondergleichen durchströmt Vera. Sie könnte ihn sowohl ohrfeigen als auch küssen.
»Sie spinnen doch! Ja, ich hatte eine gute Mutter.«
»Lebt sie noch?«
»Was hat das mit … ja, sie lebt noch.«
»Dann sollten Sie sie täglich besuchen. Sie auf Händen tragen. Mit ihr verreisen … Tun Sie das?«
»Kehren Sie sofort die Scherben zusammen, sofort, Frau Kroll.«
Vera lässt ihn stehen, eilt in die Küche und kommt mit Kehrblech und Besen zurück: »Das ist Ihr Job! Wer eine gute Mutter hat, muss mehr leisten. Allein schon aus Dankbarkeit.« Und knallt ihm die Türe vor der Nase zu.