Die Willküren  – Sieben Leben für Vera

Die fünfundzwanzigjährige Vera meldet sich auf eine seltsame Anzeige: Die Schriftstellerin Luise Abgottspon schreibt die Hauptrolle in meinem neuen Roman aus. Sie sucht nach einem Menschen, dem Schicksalsschläge jeden Lebensmut genommen haben.

Es meldet sich eine, die nichts zu verlieren hat: Vera – Mittzwanzigerin, übergewichtig, suizidgefährdet. Vom Vater missbraucht, von der Mutter im Stich gelassen, von Männern getäuscht, arm, alleinerziehend. Vera ist weniger an der Hauptrolle in Abgottspons Roman interessiert als an der Erfindungskraft dieser Autorin. Mit der Fantasie einer Schriftstellerin müsste sie ihr doch einen Ausweg aus ihrer aussichtslosen Lebenssituation aufzeigen können!

Einzige Bedingung: Billige Wendungen à la Hollywood seien nicht erlaubt – weder ein Lottogewinn noch die plötzliche Entdeckung eines überragenden Talentes. 

Luise Abgottspon schreckt vor dieser Verantwortung zurück. Was, wenn es ihr nicht gelingt, ausschließlich mit ihrer Fabulierkunst Vera eine realistische Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zu machen? Mit Geschichten, die zudem stets da beginnen müssen, wo Vera feststeckt: In der Verzweiflung über ihr Leben. Und in der Wut auf die Menschen, die ihr das eingebrockt haben. 

Erst das Drama eines ihr fremden Mannes namens Georg bringt Luise dazu, sich auf das riskante Experiment mit Vera einzulassen.

Der Roman spielt auf zwei Erzählebenen: Die zentrale Ebene ist der kreative Versuch der Schriftstellerin Luise Abgottspon, ihre Klientin Vera ins Leben zurückzuführen. Sieben Geschichten schreibt sie ihr, jede ein völlig anderes Szenario von Veras künftigem Leben. Manche sind heiter oder sinnenfroh, andere riskant und provozierend. In ihnen sieht sich Vera in ungewöhnlichen Rollen gespiegelt. Vielleicht sind es auch Rezepte, mit denen Vera aus ihrem Elend auszubrechen vermöchte: Sie durchbricht ihre Opferhaltung, lebt Rachegelüste aus, wird hellhörig gegenüber Manipulation oder entdeckt Zorn, Empathie und Mut als Mittel zur Selbstbehauptung. Die Grenzen zwischen ihrem wirklichen und dem als möglich suggerierten Leben beginnen sich aufzulösen. Sie beginnt in flirrenden Zwischenräumen zu fühlen, zu denken und zu agieren. 

Inständig hofft die Abgottspon, mit ihren Erzählungen Vera eine erreichbare, lebenswerte Zukunft plastisch vorstellbar machen zu können. Doch Vera fällt in alte Muster zurück. So wird Abgottspons Schreiben zum Wettlauf gegen Veras stets drohende Selbstaufgabe. Der »Biografin« entgeht Veras still wachender Eigensinn. Auch von ihr selbst kaum wahrgenommen, führen Abgottspons Geschichten Vera zu neuer Perspektive: Nicht mehr vor einem Abgrund steht sie, sondern vor einem Steilhang. Ihn gälte es zu erklimmen. Doch woher soll sie das Selbstvertrauen dafür nehmen? Schliesslich wagt sie sich an den Anstieg, doch nicht auf den Pfaden, die Luise Abgottspon ihr suggeriert und die LeserInnen erwartet haben.

Die zweite Erzählebene (als Nebenstrang) offenbart uns, dass Luise Abgottspon auch das Alter Ego des Autors Andreas Sommer ist, dessen Bruder Georg durch Suizid aus dem Leben geschieden ist. Einander schon früh entfremdet, hat Andreas wenig unternommen, um Georg zu »retten«. Er hat ihre Brudergeschichte weitgehend als Inszenierung eines willkürlichen Schicksals empfunden. Widerlich benahm es sich Georg gegenüber. Nur ihm mutete es ein Unmass an Beschwernissen zu.

Dagegen erlaubte es Andreas ein gelingendes, glückliches Leben mit allen Ingredienzien von Liebe, Erfolgen und Freiheit. Viele Anläufe hat Andreas genommen, um Georgs Tragik und die Bösartigkeit des Schicksals in einen Roman zu fassen. Jedesmal ist er gescheitert.

Bis er sich Luise Abgottspon zu Diensten gemacht hat …

Nun also liegt der Roman vor, den Andreas Sommer nicht zu schreiben vermocht hat …

Er verändert den Blick aller auf das Wesen des Schicksals: Den von Vera und Luise Abgottspon, aber auch den von Andreas Sommer und den LeserInnnen.