Andreas Sommer im Interview

Das Schicksal austricksen …
Andreas Sommer über seinen Roman Die Willküren, den es eigentlich gar nicht geben kann.

Frage: »Die Willküren« als Titel Ihres Romans hat mich irritiert: Mir war, als kenne ich das Wort und konnte mir dennoch keinen Reim darauf machen. 

     Andreas Sommer: Der Titel ist eine Wortschöpfung. Er steht für die willkürlichsten aller mythologischen Gestalten, jene Schicksalsgöttinnen, die bei den Römern Parzen hiessen. Die dritte, Morta, ist für mich der Inbegriff von Willkür: Mit der Schere schneidet sie jedem Menschen plötzlich den Lebensfaden durch. Schnitt. Aus. Willkür pur. Angelehnt ist das Wort natürlich an die Walküren aus der deutschen Mythologie.

Ihr Roman handelt von Vera, einer jungen Frau, deren Leben in einer Sackgasse feststeckt. Aus einem zerrütteten Elternhaus, ohne Ausbildung, in leidensvolle Beziehungen verwickelt, alleinerziehend … 

     Der Roman ist der erzählende Versuch, den Mächten, die über Lebensglück oder Pech bestimmen, auf die Schliche kommen. Dass es sie geben müsse, schien mir bereits als Kind klar zu sein. Meinem vier Jahre älteren Bruder bürdete das Schicksal so ziemlich alle Übel auf, Schicksalsblitze schlugen gehäuft ein. Ihn schädigten Krankheiten, er wurde sonderbar und einsam, sein soziales Leben war ein Stolpergang. Mich dagegen beschenkte das Leben. Mir fiel vieles in den Schoss. Liebe und Freundschaften, beruflich ging es stets aufwärts. Mit einigen Talenten und etwas Humor wurde ich ausstaffiert. Früh dachte ich, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen. 

Was machte das mit Ihnen? Zu beklagen, dass es einem zu gut geht, wäre wohl eitel. Was also bleibt: Beschämung? Dankbarkeit? Demut? Oder kam ihnen diese Bevorzugung beängstigend vor?

       Ich war jedem Glück und Gelingen gegenüber misstrauisch. Und als sich mein Bruder verzweifelt das Leben nahm, war ich weniger traurig, als entsetzt, empört und wütend. Diesen ungerechten, regelrecht amoralischen Kräften, die da offensichtlich herrschen, sollte man endlich den Garaus machen. Deshalb nahm ich mehrmals Anlauf zu einem Roman über diese skandalösen Kräfte. Wer dirigiert sie? Ein Gott? Der Zufall? Ein technischer Zufallsgenerator? Jedenfalls verachte ich den Spruch immer noch, jeder sei seines Glückes Schmied.

Und aus einem dieser Anläufe entstand also ihr sechster Roman »Willküren? 

      Nein. Und irgendwie doch. Meine Verlegerin fand meine Versuche nicht gelungen. »Sie schreiben als Wüterich, dem es an Distanz fehlt«, sagte sie einmal. Erst ein dramaturgischer Kniff brachte mich auf einen Weg, den auch die Verlegerin überzeugte. Ich schuf eine Schriftstellerin namens Luise Abgottspon. Die sollte an meiner Stelle diesen Roman schreiben. Als eine Art Ghostwriterin. Als mein Alter Ego? Ich weiss es nicht. Mit meinem Versuch, Luise Abgottspon dazu zu überreden, beginnt Die Willküren. 

Das klingt etwas verrückt. Sie suggerierten sich selbst, der Roman werde von dieser Abgottspon oder allenfalls von ihnen beiden, geschrieben.

       Für mich war es eine aufwühlende Erfahrung. Die Abgottspon gehorchte mir nämlich von Beginn weg nicht. Sie weigerte sich, meine Brudergeschichte zu erzählen. Das verstand ich nicht. Ich führte sie doch! Ich war ihr Auftraggeber… Aber sie brach aus. Aus mir unerfindlichen Gründen war sie mir überlegen. Mein Gefühl war auch, dass sie besser schrieb als ich. Ich war häufig schizophrener Stimmung. Das Thema Schicksal akzeptierte sie zwar. Aber sie wollte nicht Georg, sondern eine andere Hauptfigur. So überfiel sie mich mit der Idee (und ich schwöre, es war ihre!) einer Annonce. Darin werde sie die Hauptrolle für den neuen Roman ausschreiben. Sie suche einen vom Schicksal drangsalierten Menschen, der sich ihr als Romanfigur zur Verfügung stelle. Die Anzeige erschien und die Resonanz war ungeheuerlich. Viele Bewerber:innen waren eitel. Wollten gerne eine Biografie bekommen. Vera nicht. Sie war die Einzige, die nicht nach der Hautrolle gierte.

Sie wollte bloss eine Nebenrolle?

       Sie wollte gar keine Rolle. Sie wollte Rettung. Sie appellierte an die Fantasie der Schriftstellerin Luise Abgottspon. An ihre Erzählkunst. Sie solle beweisen, dass sie was könne. Ihr, Vera, mit starken Geschichten den Lebensmut zurückgeben. Ihr zeigen, wie sie sich am eigenen Schopf aus dem Elend ziehen könnte.

Eine absurde, irgendwie auch bedrohliche Forderung. Der Abgottspon musste doch klar sein, dass ein Scheitern gar nicht drin liegt. 

      Die Abgottspon wollte zunächst auch nicht. Zumal Vera durchblicken liess, sie würde vermutlich aus dem Leben scheiden, wenn keine Geschichte sie zu überzeugen vermöge. Sie stellte zudem weitere Bedingungen. Sie wollte keine billigen Trostgeschichten à la Hollywood. Und die Abgottspon dürfte ihr kein besonderes Talent zuschreiben. Weder ein Lottogewinn solle sie retten, noch ein plötzlich auftauchender Traumprinz. Zudem müssten alle Geschichten genau dort beginnen, wo sie jetzt feststeckte. In einem Scheissleben ohne Perspektive. 

Von erzählerischer Freiheit bleibt da nicht viel übrig. 

       Das war auch meine Meinung. Und ich warnte die Abgottspon vor dieser Aufgabe. Ich selbst würde niemals auf solche Forderungen eingehen: Gegen einen angedrohten Suizid anschreiben – purer Wahnsinn. Doch die Abgottspon ignorierte meine Warnungen. Und nur deshalb konnte dieser Roman entstehen. Weil die Abgottspon schon früh auf Distanz zu mir ging. Sich von mir entkoppelte. Oder wie mir vorkam: Die stärkere, mutigere Erzählerin war.

Dann schrieb sie für Vera diese sieben Geschichten, die der Untertitel Ihres Romans ja andeutet: Sieben Leben für Vera. Manche empfinde ich als sanft, heiter und sinnlich, andere als heftig und provozierend. Sind es Rezepte? Rezepte, um ins Lebensglück zurück und die Lebenskraft wieder zu finden?

     Ich weiss es nicht. Nur die Leser:innen können das beurteilen. Für mich waren sie, augenzwinkernd gesagt, eine Art Demütigung. Sie beweisen eindeutig, dass die Abgottspon, im Gegensatz zu mir, dieser Aufgabe gewachsen war. Sie konnte etwas, was ich nicht schaffte. Meinem Bruder habe ich seinerzeit nichts Vergleichbares geboten. Mich haben die sieben Stories verblüfft. Amüsiert. Berührt. Und sie bewirken bei Vera etwas, das ich nicht erwartet hätte.

Unsere Unterhaltung ist durchaus reizvoll, aber auch irritierend. Sie verstecken sich als Autor konsequent hinter der fiktionalen Autorin Abgottspon. Ist es wirklich nur ein dramaturgischer Kniff?

      Sie haben recht. Es ist mehr. Ich wollte nach fünf Romanen, die zwar gut beachtet wurden, einen Neuanfang wagen. Die bisherigen beruhten auf konzeptionellen Skizzen.  Die Plots waren dominant, die Figuren so gezeichnet, dass sie vor allem zur Spannung beitrugen. Die Willküren ist anders. Dank der Einführung der Luise Abgottspon bekam ich einen neuen erzählerischen Zugang zum Roman. Es wurde ein persönlicher Roman, vielleicht auch ein Schlüsselroman. Sein Thema ist existentiell: Das Leiden am Leben, mein Leiden daran, wie ungerecht viele Leben verlaufen. Wie boshaft sie gescriptet sind. Meine Beschämung auch, dass ich Privilegien immer wieder als selbstverständlich «konsumiere», oder besser: Mich nicht noch mehr um Benachteiligte, vom Schicksal geplagte Mitmenschen, kümmere. So gesehen hat die Abgottspon diesen Roman auch für mich geschrieben, so schizophren es klingen mag.

Interviewer: Helmuth Trauber
Copyrights:  frei
Die Willküren erscheint im September 26 bei LangenMüller in München. Er liegt auch als Hörbuch vor.